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  [ Spiegel-Online ] 08.07.2006

Wassermassen unterspülen Mehrfamilienhaus

Überschwemmte Keller, weggespülte Nummerschilder, abgesackte Häuser, Stromausfälle: Nach dem Unwetter der vergangenen Nacht herrschte am Morgen in Berlin noch immer Ausnahmezustand. Das WM-Finale am Sonntagabend ist laut Fifa jedoch nicht gefährdet.

Berlin - Es war eine Horrornacht, in der viele Berliner durch die heftige Regenfälle um den Schlaf gebracht wurden. Doch auch heute Morgen hatte sich das Wetter noch nicht beruhigt. Überschwemmte Fahrbahnen, voll gelaufene Tunnel und dichter Regen, der den Autofahrern die Sicht nahm: Wie schon am Abend zuvor ging am Vormittag erneut monsunartiger Regen über der Hauptstadt nieder. Zum zweiten Mal hieß es Land unter in Berlin.
 
Dutzende Berliner vermissen seit gestern Nacht die Nummernschilder ihrer Autos. Bei der Polizei gingen knapp 60 gefundene Kennzeichen ein, wie ein Sprecher sagte. Die Überflutungen in Unterführungen hätten die Bleche aus ihren Aufhängungen gespült. Zwar gilt Fahren ohne Nummernschild als Ordnungswidrigkeit, ist der Fahrer aber gerade auf dem Weg zur Polizei, um sein verlorenes Schild abzuholen, würden die Beamten ein Auge zudrücken, hieß es.
 
Wenn sie denn Zeit haben, sich um vermeintliche Verkehrssünder zu kümmern. Hunderte Rettungskräfte von Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk sind auch heute erneut im Dauereinsatz. Allein zwischen 7.00 und 12.00 Uhr rückten sie zu rund 1000 Einsätzen im gesamten Stadtgebiet aus. Die Berliner Feuerwehr rief wie schon am Vorabend den Ausnahmezustand aus. Über Verletzte des Unwetters und die Höhe der Sachschäden gibt es allerdings noch keine Angaben.
 
Die größte Zufahrtsstraße im Südwesten Berlins, die Avus, war am Vormittag zeitweise überschwemmt und musste stadteinwärts gesperrt werden. Andere Fahrbahnen brachen unter der Wasserlast zusammen und sanken ab. Auf mehreren U-Bahnstrecken musste der Bahnverkehr wegen des Eindringens von Regenwasser zeitweise unterbrochen werden.
 
Probleme gab es in einigen Stadtteilen auch mit der Stromversorgung. Während in Schöneberg schon am Freitagabend aus Sicherheitsgründen der Strom abgestellt worden war, waren am Samstag im Bezirk Charlottenburg rund 1750 Haushalte für mehrere Stunden ohne Strom, weil Wasser in zwei Netzstationen gedrungen war.
 
Besonders hart traf es die 46 Bewohner eines sechsstöckigen Wohnhauses in Berlin-Lichtenberg. Als die schweren Unwetter eigentlich schon vorbei waren und die Sonne wieder herauskam, mussten sie heute Vormittag ihre Wohnungen räumen. Enorme Wassermassen hatten innerhalb kürzester Zeit große Teile des vier Meter breiten Fußweges vor dem Haus aufgerissen und waren in den Keller und bis ins Erdgeschoss geflossen. Nach Angaben der Feuerwehr ist das Haus komplett unterspült und einsturzgefährdet. Das Treppenhaus habe sich bereits um 1,5 Zentimeter gesenkt. Am Montag soll laut Feuerwehr ein Statiker die Situation beurteilen und weitere Maßnahmen festlegen. 15 Erwachsene und 9 Kinder werden derzeit in Notunterkünften untergebracht.
 
Rekordverdächtiger Niederschlag
 
Die Gewitter brachten nach den Worten von Meteorologe Jörg Riemann vom privaten Wetterdienst MC Wetter innerhalb von 24 Stunden Regenmengen, die teilweise doppelt so hoch waren, wie sie normalerweise im ganzen Juli fallen. So seien in Charlottenburg rund 104 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gefallen, der Durchschnittswert für den ganzen Monat betrage 53 Liter. Charlottenburg habe sowohl von den Gewittern das meiste abbekommen. Ebenfalls ungewöhnliche hohe Regenmengen wurden beispielsweise in Dahlem (63 Liter), Tegel (60 Liter) und am Alexanderplatz (56 Liter) gemessen. Der 24-Stunden-Niederschlagsrekord in Berlin mit 125 Litern pro Quadratmeter stammt aus dem August 1948.
 
Zahlreiche Veranstaltungen mussten am vergangenen Abend wegen des Unwetters abgesagt oder unterbrochen werden. Die "Italienische Nacht" beim Classic Open Air 2006 auf dem Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte wurde abgesagt. Das Konzert fiel ebenso ins Wasser wie die deutsch-afrikanische WM-Party "Fußball für eine bessere Welt" auf der Fanmeile am Brandenburger Tor.
 
In Brandenburg war der Regen nicht ganz so heftig - 20 Liter pro Quadratmeter fielen beispielsweise in der Prignitz. Südöstlich von Berlin blieb es gar ganz trocken. In Cottbus und Umgebung sollte es erst am Samstagnachmittag Niederschläge geben. Heftige Gewitter gab es dennoch. In der brandenburgischen Stadt Eichwalde im Spreewald wurde ein 47-jähriger Mann auf einem Gehweg tot aufgefunden. Als Todesursache komme ein Blitzschlag in Frage, sagte ein Feuerwehr-Sprecher in Frankfurt/Oder. In Hohengüstrow brannte am frühen Morgen ein Schweinestall nieder, bei dem rund 500 Schweine getötet wurden. Auch hier könnte ein Blitzeinschlag die Ursache gewesen sein.
 
Endspiel ungefährdet
 
Schwacher Trost für die geplagten Hauptstädter: Bereits am Sonntag rechnen die Meteorologen mit der Rückkehr des Hochsommers. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) gibt es in den kommenden Tagen viel Sonnenschein. Die Temperaturen erreichen erneut hochsommerliche Werte zwischen 25 und 30 Grad.
 
So dürfte das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft nicht durch Wettereinflüsse gefährdet sein. "Das Spiel findet statt", sagte Fifa-Sprecher Markus Siegler heute zuversichtlich. Auch wenn das Medienzentrum am Olympiastadion in der Nacht kurzzeitig geräumt wurde und die Trainingseinheiten der Endspielgegner Italien und Frankreich auf dem Finalrasen gestrichen wurden, geht das Organisationskomitee (OK) davon aus, dass es im Finale keine Probleme mit dem Spielfeld geben wird. "Der Rasen hier ist in sehr gutem Zustand", sagte der OK-Sprecher Gerd Graus. "Morgen kann hier gespielt werden." Der Rasen könne das Wasser sehr gut absorbieren und trockne recht schnell aus.
 
Fifa-Sprecher Siegler betonte, dass ein WM-Spiel nur "im aller, aller schlimmsten Fall" abgesagt werden könnte. Er verwies auf die WM-Regularien, die eine Absage auf Grund "höherer Gewalt" ermöglichen. Einen Ausweichtermin für den Fall einer Absage gebe es aber nicht. Zu einer Verschiebung eines Spiels war es bei der WM 1974 in Frankfurt am Main gekommen. Das Halbfinale Deutschland gegen Polen wurde mit halbstündiger Verspätung angepfiffen. Zur Zeit des regulären Spielbeginns waren in 20 Minuten 14 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen.
 
Die Absage der WM-Show am Freitagabend bedauerte Siegler: "Selbstverständlich war das eine traurige Sache." Eine Ersatzveranstaltung wird es nicht geben. "Da gibt es keine Möglichkeit mehr", sagte Siegler. Während der Show mit dem Titel "Fußball für eine bessere Welt - von Deutschland nach Südafrika" wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel die WM symbolisch an den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki übergeben.
 
Die Fifa erklärte, die Sicherheit der Zuschauer und Künstler habe nach dem Sturm nicht mehr gewährleistet werden können. Wegen der starken Regenfälle von 16 Litern pro Quadratmeter sei der Einsatz der Showtechnik zu riskant gewesen. Auf der Bühne am Brandenburger Tor sollten unter anderen Xavier Naidoo, Wir sind Helden, Die Fantastischen Vier und Sean Paul auftreten. Die Show sollte in mehr als 120 Länder übertragen werden.
 
bor/dpa/AP/ddp


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